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      Sie sind jung, auf der Suche und leben in einer WG auf dem Land. Sehr gut
      zeigt das Grillo Theater in der Casa das sehr sehenswerte Psychodrama
      "Auerhaus" nach dem Roman von Bov Bjerg als Theaterfassung von Judith
      Heese und Karsten Dahlem.

      Man ist ganz nah dran, wenn Frieder (Philipp Noack) nach einem Suizid-
      versuch mit Tabletten in der Psychiatrie landet. Die Eisenbahngleise verlaufen
      schließlich in der Nähe des Parks der Klinik, wo die Patienten frei Ausgang
      haben. Sein Freund Höppner (Stefan Migge) steht ihm bei und plant gemein-
      sam mit Vera (Silvia Weiskopf), Harry (Alexey Ekimov) sowie Cäcilia und
      Pauline (beide Henriette Hölzel) die Zukunft. Die liegt im alten Haus von
      Frieders Großmutter, ein altes Gemäuer ohne Luxus und doch eine Heimat
      auf Zeit für Gestrandete 18jährige, die gerade Abi machen und raus aus ihren
      alten Leben wollen. Da kommt die mietfreie WG gerade recht.

      Ihr Antrieb ist es, Frieder dazu zu bewegen, nicht noch einen Versuch zu
      starten, sich zu töten, oder wie er es formuliert, nicht mehr leben zu wollen.
      Das ist ein feiner Unterschied. Geld haben sie kaum, aber einkaufen kann
      man auch ohne Geld. Höppner bekommt auch das beigebracht. Ansonsten
      steht auch auf seiner Stirn das Wort Versager. Die Bundeswehr droht ihn zu
      mustern und eine Frau will auch nicht so recht mit ihm. Pauline hört Stimmen,
      Harry fliegt zu Hause raus, weil er schwul ist und Vera ist zwar mit Höppner
      zusammen, aber das heißt ja nichts. Sie haben alle Probleme mit sich
      selbst und mit Frieder. Warum hat er das getan? Seitdem hängt ihm bei
      allen der Stempel "Selbstmörder" an. Eine Chance da herauszukommen hat
      er nicht. Man ist stets besorgt um ihn, dabei wirkt er gar nicht unglücklich,
      sondern aufgeräumt und geistig klar. Ganz ruhig tritt er seinen Mitbewohnern
      entgegen. Frieder hat seine mögliche Zukunft offenbar klar vor Augen. Er
      wollte doch nur mal schwerelos sein und die Erde von oben sehen.

      Das Zusammenspiel der Figuren rund um den Küchentisch ist spannend. Sie
      sind grundverschieden und doch so gleich. Selbst Höppner träumt in einer
      Szene sehr bildhaft vom Suizid im Schnee bei -20°C und mit einer Flasche
      Wodka. Gäbe es doch einen Flugsimulator für das Existieren danach, nur
      mal um zu schnuppern. Welcher Freitod ist der einfachste? Man diskutiert.
      Harry braucht seinen Stoff, um ausgeglichen zu sein, während Frieder auf
      seine Medikamente angewiesen ist. Egal ob Drogen, Alkohol oder eine
      exzessive Silvesterparty, die Lösung der Problematik als WG im Auerhaus
      ist nur auf Zeit. Sie haben die Sache nicht unter Kontrolle. Der Ärger mit
      Polizei und Justiz ist vorprogrammiert.

      Philipp Zdebel ist für den sehr guten Live-Soundtrack zuständig. "The final
      Countdown" ist selbstredend für das Stück, besonders für Frieder. Live-
      Videosequenzen garnieren die Aufführung.

      Es ist ein Stück hart an der Realität einiger junger Leute, die uns auf der
      Straße unbekannterweise begegnen. Es zeigt die negative Spirale mancher
      Lebensprobleme. Harry kifft und holt sich seine Bestätigung auf dem Strich,
      während man bei Frieder nichts ausschließen kann. Durch die mit gutem
      Humor garnierten Szenen wirkt die Ernsthaftigkeit des Themas jedoch leicht,
      ohne in eine Komödie zu entgleiten. Die Dialoge sind klar formuliert. Sie
      machen jedes Problem sehr verständlich. Das schön einfach gehaltene
      Bühnenbild baut sich stetig immer mehr auf. Insgesamt ist das Stück
      sehr unterhaltsam und mahnt doch zur Wachsamkeit gegenüber unseren
      Mitmenschen.

      Datum: 9. Oktober 2018, Grillo Theater (Casa)

      www.theater-essen.de