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      Mit Rossinis Oper "Il Barbiere di Siviglia" zeigt das Opernhaus Dortmund
      grandios, wie man das Genre Oper für neue und junge Publikumsschichten
      erschließt. Die Inszenierung von Martin G. Berger sprengt klassische Formen
      komplett und begeistert durch ihre außergewöhnliche Art.

      Puppentheater ist in der Geschichte eine uralte Form, die Martin G. Berger
      wieder aufgreift und auf lebende Sängerinnen und Sänger projiziert. Die
      Akteure sind tatsächlich mechanisch an Seilen agierende Wesen. Sie
      agieren in ihrer vorgegebenen Rolle in einem engen Radius ohne Selbstbe-
      stimmung. Lediglich Graf Almaviva (Sunnyboy Dladla) langweilt sich und sucht
      das Abenteuer in Form der jungen Rosina (Aytaj Shikhalizada), die als fast
      18jähriges Pflegekind bei dem dümmlichen Dr. Bartolo (Morgan Moody) lebt.
      Auch er hat ein Auge auf Rosina geworfen, die endlich aus ihrer eingeengten
      Situation heraus möchte. Der Barbier (Petr Sokolov) steht zur Seite und führt
      in ein Happy End.

      Die Commedia dell'arte war schon im 17. und 18. Jahrhundert beliebt beim
      Publikum, weil man Typen zu sehen bekam, die nicht tiefenpsychologisch
      inszeniert wurden. Sie agierten einfach und nachvollziehbar mit simplen
      Motiven wie z.B. Begierde. Beim "Il Barbiere di Siviglia" in Dortmund kommt
      noch ein Erzähler hinzu (Kammersänger Hannes Brock), der mit den Figuren
      teilweise agiert. Wer bei seinen leicht verständlichen und unterhaltsamen
      Ausführungen diese Oper nicht versteht, dem ist nicht zu helfen. Auch die oft
      humorvollen deutschen Übertitel sind gut. Erst als sich der Graf gegen den
      Erzähler wendet gerät alles aus dem Lot. Mit der kurz gewonnen Freiheit
      können sie Figuren allerdings nicht umgehen, sind ratlos und lassen sich die
      Seile wieder anlegen.

      Hervorragend sind die Leistungen der Sänger, auch schauspielerisch. Die
      Komik lebt von Kontrasten, was deutlich herausgearbeitet wird. Gehobener
      Slapstick in überzeichneten Kostümen und mit teils grell-farbigen Bühnen-
      bildern ist der rote Faden, der aber immer anspruchsvoll erscheint und nie ins
      Alberne abgleitet. Das Opernhaus wählt selbst den Vergleich zur Augsburger
      Puppenkiste. Da ist was dran. Man hebt die klassische Oper sehr unterhalt-
      sam und gelungen vom angestaubten Sockel, um sie neuem Opernpublikum
      zu öffnen, um neugierig zu machen.

      Viele Details und überraschende Momente sind in der Inszenierung versteckt.
      So verwandelt sich Rosina einmal geschickt in eine Viper, inkl. eines langen
      Schwanzes. Eine goldene Putte mit beweglichem Kopf schwebt bei der
      Liebesanbetung über dem Grafen und Rosina. Immer wieder taucht eine kleine
      Raupe auf. Schön ist auch das mit Edelsteinen dekorierte Skelett. Alle sehr
      liebevoll gestalteten Details lassen sich gar nicht entdecken. Wenn es gegen
      Ende des ersten Aktes chaotisch wird, wird aus dem Bühnenbild eine wild
      tanzende Kollage aus allen bisher erschienen Hintergrundvorhängen. Nicht
      nur hier bricht man mit der klassischen Darstellung. So wird dem musika-
      lischen Leiter mal das Jackett ausgezogen. Dabei wirkt die Handlung öfters
      frei interpretiert. Trotzdem ist jede Handlung sehr präzise geplant und aus-
      geführt. Sechs Wochen Proben, inkl. Urlaubssperre, haben großartige
      Szenen auf die Bühne gezaubert.

      Die Stars dieser Inszenierung sind beinahe die Mitarbeiter, die sich um die
      extrem schwierige technische Umsetzung kümmern. Egal ob die beiden
      tollen Puppenspielerinnen, die in sieben Metern über der Bühne mit dem
      Rücken zum Saal versteckt tolle Arbeit leisten, oder die Leute vom Licht
      oder der Bühnentechnik, sie alle haben Großes geleistet. Damit diese
      Inszenierung eine absolut runde Sache wird, muss man auch unbedingt die
      Kostüm- und Bühnenbildner loben. Mutig und großartig!

      Natürlich sind die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Motonori
      Kobayashi unbedingt zu erwähnen. Auch sie boten eine klasse Leistung
      wie auch der Herrenchor und die Statisterie des Theater Dortmund.

      Diese Operninszenierung ist eine vergnügliche Volksoper, schräg, schrill,
      humorvoll und doch mit dem nötigen Ernst ausgestattet. Die klasse Mimik
      der Akteure arbeitet das Groteske der Gesellschaft klasse und mit viel
      Phantasie heraus. Das gelöste Schmunzeln war fast allen Besuchern am
      Ende ins Gesicht geschrieben. Die Oper kam an. Einen Opernsaal, der zum
      Marktplatz des Grotesken wird, erlebt man nicht alle Tage. Skeptische
      Argumente, man würde das Genre Oper ja nicht verstehen, werden hier ohne
      Makel widerlegt. Es war eine tolle Premiere mit einer anschließend
      geselligen Premierenfeier.

      Datum: 7. Oktober 2018, Premiere, Opernhaus Dortmund

      www.theaterdo.de