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      Domian gehört zu den ganz besonderen Menschen, die die Republik zu bieten
      hat. Mit seinem neuen Buch "Dämonen" startete er sehr eindrucksvoll seine
      szenische Lesereise im Theater am Marientor in Duisburg.

      Es handelt von zwei Themensträngen. Hansen ist 60, lebt in Berlin und ist völlig
      gesund. Trotzdem hat er das Leben satt. Es beschließt im Frühling in den
      Norden Schweden zu ziehen. An seinem Geburtstag, den 21.12., möchte er sich
      nackt und betrunken in den Schnee legen und sterben, am kürzesten Tag des
      Jahres. Besonders schön wären evtl. noch ein paar Polarlichter dabei, so als
      natürliches LSD. So ist der Plan. Domian spricht damit ein sehr sensibles
      Thema an. Suizid ist gesellschaftlich oft noch geächtet, erst recht bei gesunden
      Menschen. Die Selbsttötung stand bis 1961 in Großbritannien noch unter Strafe.
      Die Toten wurden lange am Rande eines Gräberfeldes bestattet. Ansonsten
      landet man heute noch in der Psychiatrie und wird als irr abgestempelt.

      Hansen macht sich jedenfalls auf den Weg zu einer gemieteten Blockhütte
      120 km nördlich des Polarkreises. Er genießt ganz einsam den Sommer in
      einem wilden Nationalpark, erwärmt sich an am farbigen Herbstlaub und denkt
      immer zurück an sein Leben. Er denkt an seinen Sohn Phillip aus der geschie-
      denen Ehe. Er mag ihn sehr. Über diese Narben hat er in Berlin kaum
      gesprochen. Die Einsamkeit in Schweden verändert ihn und seine Gedanken.
      Verschneite Fichten werden zu schönen Skulpturen. Unsichtbare Wesen
      befinden sich um ihn herum, so denkt er. Es wird immer mystischer und
      spannender. Kann er sein altes Ich hinter sich lassen und sein wahres Selbst
      finden?

      Das Thema Dämonen wird ebenso gut skizziert. Wir alle begegnen Dämonen in
      unserem realen Leben oder im Traum. Ob Feigheit, Trägheit, beliebige Süchte,
      Ängste oder beruflicher Druck können Dämonen sein. Domian wäre nicht
      Domian, wenn er nicht vor der Lesung im Foyer Karten verteilen ließ, auf denen
      jeder seine Dämonen aufschreiben konnte. Im Mittelteil der Lesung zog er blind
      einige der anonymen Karten hervor um sie zu kommentieren. Themen wie Ess-
      sucht, Drogen, die lebenslangen Folgen eines Unfalls, die geheim zu haltende
      Homosexualität, die ständig schwierigen Erlebnisse eines Feuerwehrmanns
      oder anderen immer gefallen zu müssen kamen als unsere Dämonen zu Tage.
      Die kurzen Stichworte durfte man im Kopf weiterspinnen, wobei die Schreiber
      anonym blieben.

      Viele Aspekte des Buches sind zum Teil auch autobiografisch. An Suizid hat
      Domain aber noch nicht gedacht. Der Sen-Buddhismus ist allerdings Teil eines
      Lebens. Ein Sen-Meister hat ihn auf einer Hütte in den Alpen dafür begeistert.
      Seine eigene Vorliebe für einsame nordische Regionen ist ebenfalls real.
      Domian weiß wovon er schreibt und fasst es in spannende Beschreibungen.
      Zwischendurch werden die sehr weisen Metatexte aus dem Buch auf eine große
      Leinwand projiziert und vorgelesen. Auch da lauscht man gerne.

      Selbstverständlich gab es eine Fragerunde an Domian. Man konnte alles fragen.
      Nur eine vielleicht zu persönliche Frage ließ er unbeantwortet. Damals im Radio
      versuchten 20.000 bis 25.000 Leute pro Sendung zu ihm durchzukommen.
      Rund acht haben es am Abend geschafft. Er schilderte Erlebnisse mit einer
      Nonne oder einem Suizidgefährdeten und prangerte an, dass Homosexualität
      bei Muslimen sogar unter Strafe steht. Da müssen wir was ändern, so Domian.
      Man spürte den ganzen Abend, dass Domian einer ist der zuhören kann, der
      keine Plattitüden von sich gibt, der jeden erst einmal ernst nimmt und zu
      vielen Dingen eine klare Meinung vertritt. Dabei wirkt er oft ruhig und nachdenk-
      lich, kann aber auch emotional werden. Eine spannende Persönlichkeit im sonst
      sehr oberflächlichen und lauten Alltag.

      Das tolle Buch überzeugt mit einer großen Portion Sensibilität, sehr viel Nach-
      denklichkeit und bildhaften Beschreibungen. Es ist bestes Kopfkino zum
      Entschleunigen. Am Ende dieses wunderbaren Abends stehen sich Hansen und
      ein weißer Elch im verschneiten Wald gegenüber und der Zuschauer darf sich
      seine eigenen Gedanken machen oder das Buch kaufen. Der Schluss des
      Buchs wird live von Domian nicht verraten.

      Eine wichtige Anmerkung noch: Für akut stark Suizidgefährdete ist die Lesung
      eventuell nicht zu empfehlen.

      "Dämonen", Jürgen Domian, Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-08691-0

      Datum: 1. November 2017, Tourauftakt im Theater am Marientor, Duisburg

      www.theater-am-marientor.de
      www.randomhouse.de (Buch)
      www.meistersingerkonzerte.de (Tourtermine)