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      Europa ist ein schwierig zu definierendes Gebilde. Es ist alt, man spricht 23
      offizielle Sprachen und es hat 741 Mio. Bewohner. Einen aktuellen Zwischen-
      zustand liefert sehr sehenswert, feinsinnig und nachdenklich das Stück
      "Ich, Europa" im Schauspiel Dortmund. Regie führte Marcus Lobbes.

      Kay Voges, der Intendant am Haus, hatte Autoren dazu aufgerufen, ihre
      Sicht von außen auf Europa zu formulieren. Das Thema war frei, nur der
      Anfang "Ich, Europa ..." war jeweils vorgegeben. Insgesamt 15 Beiträge
      gingen ein. Elf davon wurden für das Stück ausgewählt und in teilweise
      gekürzter Fassung als eigenständige Szene im Monolog gestaltet, vorge-
      tragen von Mitgliedern des Ensembles. Herausgekommen sind sehr interes-
      sante Sichtweisen, die mehrheitlich einen eher skeptischen und kritischen
      Blick wagen. Man greift historische Ereignisse, eigene Erfahrungen oder
      gesellschaftliche Tendenzen auf und bringt sie verbal sehr gelungen in
      einem Text zusammen. Sie stammen von von Yavuz Ekinci, Anis Hamdoun,
      Iman Humaidan, Yasmina Khadra, Nermina Kukic, Ismail Küpeli, Sudabeh
      Mohafez, Muzaffer Öztürk, Burhan Qurbani, Tanja Šljivar und anderen.

      Trotz der verschiedenen Perspektiven hat der Abend einen roten Faden,
      Europa im Verhältnis zu seiner geografischen und gesellschaftlichen Um-
      gebung. Was haben Orient und Okzident gemeinsam und was trennt sie?
      Wo fängt Europa eigentlich an und wo hört es auf? Die Grenzen verschwim-
      men im Laufe der Jahrhunderte Jahre alten Geschichte. Man kam sich näher
      oder trug Konflikte aus. Wie formuliert man es auf dem Balkan oder in
      der arabischen Welt? So bekommt der Zuschauer gute Einblicke, die für uns
      Selbstreflexion zur Folge haben.

      Die sehr bildhaften Szenen sind inhaltlich manchmal sehr verschieden. 1992
      schenkte Deutschland der Türkei ausrangierte Militärausrüstung aus DDR-
      Beständen, die die Türkei zum grausamen Mord an Kurden nachweislich
      benutze. 2018 wurden wieder Lieferungen an die türkische Regierung geneh-
      migt. Es wird auch auf die Massentötungen der Türken an den Kurden 1938
      hingewiesen. 70.000 Kurden wurden brutal niedergemetzelt. Ganz anders
      sieht das Bild der Friedensbraut aus, die 2008 im Brautkleid von Mailand
      nach Istanbul trampte, um den Frieden zu suchen. Europa wird auch als eine
      dekadente Hure bezeichnet, deren Nerven nichts mehr als Bahnen sind, wo
      Drogen-, Waffen- und Menschenschmuggel tagtäglich ablaufen. Europas
      Schönheit ist vergangen und doch wird es von vielen noch sehr begehrt.
      Aktuell politisch wird es. Erdogan wird als Mufti tituliert, der den Balkan
      mit seinen Geldern islamisieren möchte und Moscheen baut, die dort aber
      kaum benutzt werden.

      Wie sehr spielt die arabisch-islamischen Geschichte Spaniens bei der
      Deutung Europas eine Rolle, immerhin 800 Jahre lang? Wem ist das noch
      bewusst? Mutiert die Welt gerade oder leidet Europa an Altersschwäche?
      Chöre lassen Militärkapellen den Vortritt, während Körper von Migranten
      leblos am Ufer verwesen, heißt es bei Yasmina Khadra. Jeder sollte ihrer
      Meinung nach aufwachen und sich seiner Verantwortung stellen. Frank
      Genser und Matthias Seier fragen sich, ob Europa eine Idee, eine Hoffnung
      oder ein Versuch ist. Es ist noch so viel mehr an wohl formulierter Wort-
      und Gedankenkunst im Stück zu erleben.

      Das Bühnenbild (Pia Maria Mackert) trägt sehr zum Gelingen des Abends bei.
      Monologe müssen nicht langatmig sein. Der erlegte, mythologische Stier
      liegt sinnbildlich auf dem Boden. Die Videoprojektionen (Mario Simon) zum
      jeweiligen Thema unterfüttern jede Szene optisch. Egal, ob ein plätsch-
      erndes Meer, eine barockes Meisterwerk mit unerwarteter Animation, ein
      nächtlicher Sternenhimmel im Wald oder der Blick von einem fernen Planeten
      auf die Erde sind nur ein paar gelungene Beispiele. Pia Maria Mackert zeich-
      net auch für die tollen Kostüme verantwortlich. T.D. Finck von Finckenstein
      sorgte für den guten Sound.

      Wer mit offenen Augen in Europa lebt, der muss sich dieses klasse insze-
      nierte Stück einfach ansehen. Es sind wunderbar formulierte Texte mit Tief-
      gang und interessanten Gedanken. Man bedauert, dass sie in Buchform
      noch nicht zu haben sind. Wäre vielleicht mal eine Idee.

      Geflüchtete haben übrigens die Möglichkeit das Stück mit Freikarten zu
      erleben, arabische Übertitel inklusive. Melden kann man sich bei Lisa Bunse
      (lbunse@theaterdo.de).

      Datum: 13. Oktober 2018

      www.theaterdo.de