abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Mit der sehr gelungenen Musiktheaterproduktion „Die Fremden“ orientiert sich
      die Ruhrtriennale thematisch an aktuellen Themen. Angelehnt ist das Stück an
      den Roman „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ von Kamel Daoud.
      Regie führte Johan Simons.

      Schon der Ort ist sehr eindrucksvoll. In der riesigen Kohlenmischhalle auf der
      Zeche Auguste Victoria in Marl wurde erst im Dezember 2015 das Licht ausge-
      macht. Hier liegt noch richtiger Kohlenstaub und die noch intakte Mischanlage
      ist ein hervorragendes Bühnenbild. Der Spielort macht mächtig was her.

      Die Bühne ist entsprechend großzügig und wird trotzdem gut von den fünf
      Hauptdarstellern ausgefüllt. In der Mitte spielt das Orchester Asko/Schönberg
      unter der Leitung von Reinbert van Leeuw. Die Dialoge werden durch Mikrofone
      verstärkt, so dass es keine akustischen Probleme gibt. Man sieht und hört
      wunderbar.

      Inhaltlich geht es um einen ermordeten Araber in Camus Roman „Der Fremde“.
      Camus gab ihm keinen Namen, seinem Mörder jedoch schon. Dieser namen-
      lose Tote bekommt so ein Gesicht und einen Namen, Moussa. Er war Lasten-
      träger im Hafen. Über seinen Bruder Haroun entwickelt sich die Geschichte.
      Dabei wird er nicht klischeehaft mit einem dunkelhäutigen oder einem dunkel
      geschminkten Weißen besetzt, sondern von fünf Schauspielerinnen und Schau-
      spielern gleichzeitig gespielt. Ihr Outfit wandelt sich vom Blaumann zum
      gesellschaftlich aufgestiegenen Schick. Sie geben Moussa seine Ehre wieder.
      So erfährt seine Familie 80 Jahre danach von der Journalistin Meriem, wie und
      wo er umgekommen ist, nämlich in einem weltbekannten Buch von Camus.

      Dabei wird die algerische Geschichte von damals bis heute thematisiert. Es
      spielen religiöse Ideologien, der algerische Unabhängigkeitskrieg (1954-1962),
      Lethargie oder die heute fehlende Orientierung eine Rolle. Die Kohlenmisch-
      anlage als Kulisse gibt zunächst einen gewissen Halt. Später fährt sich ein-
      drucksvoll zurück und steht für Orientierungslosigkeit. Die Schauspieler
      schlüpfen während der Vorstellung auch sichtbar gut getrennt in andere Rollen,
      die der Mutter, des Imams oder in die des Offiziers der Befreiungsarmee. Der
      algerische Unabhängigkeitskrieg ordert sogar ein zweites Opfer, einen
      Franzosen und Haroun ist der Mörder. Die wichtigen Fragen und Aspekte werden
      stets sehr gut und verständlich herausgearbeitet. Je orientierungsloser und
      surrealer die Situation wird, desto schräger werden Musik und Dialoge. Der Halt
      fehlt und man nutzt beinahe die gesamte 250 m lange Halle als Bühne Die Dar-
      steller treten aus dem Gegenlicht von hinten als Schatten eindrucksvoll her-
      vor.Es ist eine große Inszenierung mit inhaltlichem Tiefgang und eindrucksvollen
      Bildern.

      Unterstützt wird die Inszenierung durch filmische Einspieler von Aernout Mik.
      Die zeigen Szenen den damaligen Alltag der Algerier und dem Unabhängigkeits-
      krieg. Die Kohlenmischhalle ist ebenfalls ein Drehort. Hier thematisiert er bei-
      spielhaft das Leben in hiesigen Flüchtlingsunterkünften in Form eines Massen-
      schlafsaals. Im Hintergrund sind gewisse Soundscapes von Wouter Snoei zu
      hören.

      Musikalisch passen die drei Kompositionen von Mauricio Kagel (1931-2008),
      Claude Vivier (1948-1983) und György Ligerti (1923-2006) sehr gut zum Stück.
      Sie drücken die Gott verlassene Welt oder die Schönheit des Fremden aus.
      Klasse ist eine Gesangseinlage von der Sopanistin Katrien Baerts. Teilweise
      schweigt das Orchester auch mal, Zeit zum Nachdenken und Raum für Dialoge.

      Immer wieder gibt es Parallelen zum Umbruch in Europa. Was ist so fremd an
      den Fremden? Warum haben so viele Angst davor? Kann Fremdheit nicht auch
      schöne Seiten haben? Darauf gibt das Stück keine Antworten. Der Betrachter
      soll sich selbst Gedanken machen.

      Datum: 3. September 2016

      www.ruhrtriennale.de
      Infos zur Ruhrtriennale allgemein