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      "Nur die Harten (kommen in den Garten)" heißt es sehenswert im Theater
      Oberhausen. Das Stück von Hausautor Dirk Laucke überzeugt im kleinen
      Haus mit einem spannenden Thema, guten Schauspielern, Frische, jeder
      Menge Energie, Humor und körperlichen Herausforderungen. Regie führte
      der Intendant persönlich, Florian Fiedler.

      Es geht um Flüchtlinge. Plattenhändler Jörg (Daniel Rothaug) fährt gemein-
      sam mit Ludi (Mervan Ürkmez) und dessen Freundin Mina (Ronja Oppelt) an
      die europäische Außengrenze, um dort ein Kunstprojekt zu verwirklichen.
      Ludi bezahlt alles, Mina hat das Konzept entwickelt und Jörg ist für den
      Sound zuständig. Es kommt natürlich zu Meinungsverschiedenheiten. Darf
      Hilfe nichtkommerziell sein? Darf man andererseits mit dem Elend von
      Flüchtlingen Geld verdienen? Das Projekt aber droht zu scheitern. Die
      Grenzen wurden geschlossen. Die, die es nach Europa geschafft haben
      wollen aber natürlich nach Deutschland, ins gelobte Land. Jörg wird so
      zum Fluchthelfer und begibt sich damit in große Gefahr. Darf man für Hilfe
      Geld annehmen? Ist es moralisch in Ordnung einen Dokufilm über Flüchtlinge
      zu drehen, um ihn an ARTE zu verkaufen. Hat man die Flüchtlinge um
      Erlaubnis gefragt? Man bekommt reale und tiefe Einblicke in diese Proble-
      matik, auch was Fragen zu Deutschland betrifft. Was ist eigentlich deutsche
      Musik, die unterwegs im Auto läuft? Helene Fischer etwa, die ebenfalls mal
      geflüchtet ist? Eine tolle Szene mit viel Realität und Witz. Die live gesungenen
      Texte rechtsradikaler Bands wirken erschreckend. Nur die Harten schaffen
      es wirklich ins "Paradies Deutschland", aber funktioniert es auch ohne
      bezahlte Hilfe?

      Als zweiten Handlungsort sieht man eine Turnhalle, in der Amir (Burak
      Hoffmann) und Renee (Emilia Reichenbach) ihrem Hobby Kickboxen nach-
      gehen. Hier haben ihre Helden früherer Zeit schon gewirkt. Ihr Staub hat sich
      gesetzt. Soll diese Turnhalle tatsächlich als Flüchtlingsunterkunft dienen?
      Amir ist skeptisch, hat sogar schon mit rechtsradikalen Sportkollegen aus
      Dortmund Kontakt aufgenommen. Sie haben "Hilfe" angeboten. Renee
      denkt sozial, was zu Spannungen führt. Ein zwölfjähriges Flüchtlingsmädchen
      mit zwei fehlenden Fingern ändert aber alles. Sie ist die große Hoffnung des
      Kickboxens. Selbst eine große Kickbox-Legende investiert in sie, will sie
      zum Star machen und mit ihr Geld verdienen. Auch Amir kann die Investition
      finanziell gut gebrauchen und legt sich als Trainer ins Zeug. Voller Eifer
      kümmert er sich um die Flüchtlinge in seiner Kickbox-Halle.

      Das Stück überzeugt szenisch auf ganzer Linie. Die Zuschauer sitzen auf
      beiden Seiten der länglichen Bühne. Das Bühnenbild ähnelt Etagenbetten in
      Lageroptik. Obendrauf spielt hauptsächlich das Geschehen. Im kleinen Saal
      ist man sowieso ganz nah dran. Die Charaktere lernt man nach und nach
      gut kennen. Was bekümmert sie privat? Sie haben ein Helfersyndrom, eine
      kranke Partnerin, ihren Job im Handyladen geschmissen oder Schulden.
      Das reale Leben eben, nicht das Paradies! Jeder hat seinen eigenen
      Sprachslang. Aus welcher sozialen Schicht kommen sie?

      Das sehr gut inszenierte und flotte Stück ist durchweg mit jungen Mitgliedern
      des Ensembles besetzt. Ansonsten wären die Sprünge aus geschätzten       1,70 Metern von der oberen Aktionsfläche auf den Boden kaum möglich.
      Ältere Kollegen würden sich alle Knochen brechen und Bänder reißen. Voller
      körperlicher Einsatz also, fast wie bei Urbanatix. Obendrein können sie
      eine Ukulele bedienen und live singen. Es ist erstaunlich, welche Riesen-
      schritte die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler in dieser Spielzeit
       gemacht haben. Sie sind richtig gut geworden. Das Ensemble aus alten und
      neuen sowie jungen und reiferen Mitgliedern ist in dieser bald abgelaufenen
      Spielzeit positiv zusammengewachsen. Auch Intendant Florian Fiedler und
      sein Führungsteam scheinen, nach Anlaufproblemen, in Oberhausen
      angekommen zu sein.

      Datum: 3. Juni 2018, Premiere

      www.theater-oberhausen.de