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      Es war eine tolle Premiere mit ganz viel Wehmut und Klasse. "Freiheit in
      Krähwinkel" von Johann Nestroy hat alles, was ein finales Stück einer Spiel-
      zeit haben muss. Regie führte Milan Peschel. Das Ensemble am Schauspiel-
      haus Bochum verabschiedet sich nun so langsam, ehe der neue Intendant
      Johan Simons ab Herbst die Intendanz im Haus übernehmen wird.

      Wie immer bei einem Chefwechsel an einem Theater verlassen auch viele
      Mitarbeiter das Haus. Gut 40 sind es in Bochum. Ein Großteil des wunder-
      baren Ensembles ist beim neuen Chef nicht erwünscht. Johan Simons, der
      Ex-Intendant der Ruhrtriennale, bringt neue Leute mit. So darf man in diesem
      Stück zum letzten Mal die großartige Kristina Peters in einer spannenden
      Hauptrolle erleben, obwohl es eigentlich keine heraus stechenden Rollen-
      bilder gibt. Sie schafft es trotzdem als Journalist "Eberhard Ultra" wieder
      besonders zu glänzen.

      Das Stück aus dem Jahre 1848, zufällig das Gründungsjahr des VfL Bochum,
      bietet grundsätzlich jede Menge guten Stoff. Der Bürgermeister von Kräh-
      winkel (Mark Oliver Bögel) und seine rechte Hand Klaus (Michael Kamp)
      herrschen nach Belieben. Es herrschen Korruption, Misswirtschaft, Macht-
      gehabe und Schulden ohne Ende. Krähwinkel ist der große Staat im Klein-
      format. Der Unmut der ortsansässigen Bevölkerung steigt und mündet in einer
      Revolution, die allerdings humorvoll daher kommt, dafür aber mit vielen
      ernsten Fragen unterlegt ist, wie man mit persönlicher Freiheit im Leben
      umgehen soll.

      Die Freiheit fängt damit an, ob man sich an einem Theater fest engagieren
      lassen sollte. Man begibt sich in die Hände von Regisseuren, die einem alles
      vorschreiben. Spaß macht das nicht immer. "Veel plazier", eine sprachliche
      Anspielung auf die bald niederländische Zukunft am Haus, ist das nicht. Ist
      man klein, mimt man öfter mal den Leibeigenen, statt den Herrscher. Das
      Schicksal kann der Schauspieler selten selbst bestimmen. Herrlich nehmen
      sie ganz real ihren Beruf auf die Schippe. Jeder gibt sich am Ende sogar
      höchstpersönlich einen Oskar. Sie wissen, was sie gemeinsam geleistet
      haben, wobei sie die Verleihung von Filmpreisen ordentlich ironisch aufs Korn
      nehmen.

      Echte Freiheit zu erlangen ist schon nicht einfach. Die Revolutionäre tun sich
      schwer. Selbst wenn Klaus nach einem Kinnhaken verlangt, die Revoluzzer
      bleiben eher die Worthelden und trinken sich Mut an. Türen gehen auf und
      zu, fast eine Komödie, bei der die ernsten Töne aber überwiegen. Gute
      Dialoge mit Witz, Sinnbildern und Wiederholungseffekten machen das Stück
      sehr unterhaltsam. Im letzten Teil wird es ruhig und nachdenklich, beinahe
      philosophisch. Warum leben und leiden wir? Themen wie Schlafen, Träumen
      und Sterben spielen eine Rolle. Was träumen wir nur, wenn das Herz nicht
      mehr schlägt? Sind wir nicht alle geprägt von der Zeit und den Bedingungen
      in denen wir leben? Welche Rolle spielt die Arbeit für den Menschen? Wo
      sind nur Frieden und Freundschaft geblieben? "Ohne Liebe ist man nur ein
      Toter auf Urlaub." Wie gehen wir mit unserer persönlichen Freiheit im Leben
      um, eine Frage die auch die Schauspieler betrifft, deren Verträge nun nicht
      verlängert wurden. Zum Glück haben fast alle ein neues Engagement
      gefunden oder sind auf einem guten Weg. Es ist ihnen zu wünschen.

      Musikalisch traf man hervorragend den Ton, mal ernst und mal ironisch, aber
      in der Regel live an der Orgel (Daniel Regenberg). "Besame Mucho",
      "Zu spät" von den Ärzten, Rio Reiser, Ton Steine Scherben und auch die
      finnische Reminiszenz an die fantastische Inszenierung von "Der Mann ohne
      Vergangenheit", der Song "La mer", durften nicht fehlen, sogar teilweise auf
      Niederländisch. Man blickte gerne zurück, was auch vorgehende Intendanten
      betraf. Ihre jeweils markanten Erkennungszeichen prägten das Bühnenbild.
      Ein Foto von Schauspieler Ulrich Wildgruber prangte groß in der Mitte. Noch-
      Intendant Olaf Kröck nahm sich persönlich sehr wohltuend zurück.

      Ungewöhnlich war das Ende der Premiere. Alle Beteiligten feierten auf der
      Bühne, wie es in Finnland sonst üblich ist. Mit einer Flasche Bier in der
      Hand fielen sie sich in die Arme. Manches Tränchen wurde hier und da viel-
      leicht auch verdrückt. Kröck zückte sein Handy und filmte. Die eingeschwo-
      rene Theaterfamilie schwankte zwischen Freude über die sehr gelungene
      Premiere und großer Wehmut. Auch Schauspieler Dietmar Bär, der im
      Publikum saß, klatschte stehende Ovationen. Es war ein großer und
      unvergesslicher Abend in den Kammerspielen des Schauspielhauses
      Bochum.

      Die Spielzeit 2017/2018 im Schauspiel Bochum, unter der Intendanz von Olaf
      Kröck, war künstlerisch ein großer Erfolg. Schuhgröße 46! Wie wurde doch
      so schön auf er Bühne über das Motto der kommenden Spielzeit spekuliert:
      "Raus aus dem Keller oder rein in den Keller". Wer Simons Inszenierungen
      "Alceste", "Die Fremden" oder "Cosmopolis" von der Ruhrtiennale kennt,
      der wird gespannt sein, ob seine Schuhgröße ausreicht. Olaf Kröck wechselt
      2019 als Intendant zu den Ruhrfestspielen, bleibt somit glücklicherweise der
      Region erhalten.

      Datum: 26. Mai 2018, weitere Vorstellungen

      www.schauspielhausbochum.de