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      Einen fantastischen Theaterabend im Schauspielhaus Bochum bietet das
      Schauspiel "Der Mann ohne Vergangenheit", nach einem Film von Aki
      Kaurismäki. Langsamkeit kann so kurzweilig, humorvoll und schön sein! Gefühlt
      ist es eine ganz außergewöhnliche Komödie mit ernstem Tiefgang. Wie komme
      ich im Leben klar, ohne meine Vergangenheit zu kennen? Regie führte Christian
      Brey.

      Inhaltlich geht es um M (Michael Kamp), der sein Gedächtnis verloren hat und
      in einem Containerdorf im Hafen von Helsinki strandet. Dort trifft er auf
      Menschen, die oft eine schwere Lebensgeschichte hinter sich haben und sehr
      genügsam sind. Rau und freundlich nehmen sie ihn auf. Auch die Heilarmee
      kümmert sich um ihn. Man lernt sich immer besser kennen. Zusammenrücken
      in der Not ist wichtig. Jeder kann was geben, eine warme Suppe oder auch
      Liebe. Das Leben läuft stets vorwärts. Rückwärts zu blicken wäre zu gefährlich.
      M wird einer von ihnen.

      Aki Kaurismäki ist dafür bekannt mit Antiklischees zu spielen. Normalerweise
      ist finnisches Theater laut und schreiend. Seine Stoffe zeigen die wahre
      finnische Gesellschaft außerhalb der Städte. Christian Brey kommt in seiner
      Inszenierung sehr wohltuend ganz ohne provokante Dinge wie Nacktheit oder
      eine derbe Wortwahl aus. Das entschleunigte Lebensgefühl ist der rote Faden
      des Stücks. Wie ein Finne auf der Premierenfeier bestätigte, ähneln die
      Hauptpersonen sehr den wahren finnischen Charakteren. Sie sind spröde,
      wortkarg, rau und besitzen einen trocken Humor. Ihre Dialoge überraschen den
      Betrachter immer wieder. Dazwischen gibt es gerne szenische Pausen, die die
      Fantasie anregen. Einige Szenen wurden im Drehbuch geschickt reduziert und
      Rollen zusammen gelegt. So konnten neue Personen entstehen, die nicht im
      Film vorkommen.

      Natürlich begrüßt man sich stilecht mit "Hyvää" (dt. übersetzt: gut) als Runnig
      Gag. Um den Humor noch zu steigern, werden einzelne Dinge mehrfach wieder-
      holt, eine Art von leisem Slapstick, wie auch vereinzelt Tollpatschigkeit, z.B.
      beim Aufbau eines Klappbetts. Wie bringe ich einen Kontrabass durch eine
      schmale Tür? Wunderbar in verlangsamter Chaplin-Manier dargestellt! Eine
      Besonderheit ist die finnische Romantik, die ebenfalls erwacht. Kaum kommt
      man sich schüchtern etwas näher, springt Antilla (Ronny Miersch) verbal schroff
      dazwischen. Ein Banküberfall aus Barmherzigkeit endet für einige Eingeschlos-
      senen im Tresorraum der Bank, mit unschlagbar guten Endzeitdialogen. Klasse
      ist auch der eher schüchterne Stehblues zur Sonnenwende, mit bunten Papier-
      hütchen und Luftschlangen. Man muss die Mimik und Gestik immer im Auge
      haben und genau hinhören. Einem bei völliger Stille zischenden Wasserkocher
      lauscht man ganz gespannt und wartet nur auf das abschließende "Klack".

      Eine weitere Bereicherung des Stücks ist "Hannibal" (Trouble), der Bluthund
      vom schroff-liebenswerten Vermieter Antilla. Er soll rohes Fleisch mögen,
      kommt aber wie ein Schoßhündchen daher, genau wie sein Herrchen. Da
      Hannibals Bewegungen auf der Bühne nicht immer planbar sind, sorgt seine
      Anwesenheit für zusätzliche Lacher und noch mehr Szenenapplaus als sonst
      schon, ohne dabei den insgesamt toll agierenden Schauspielern die Schau zu
      stehlen.

      Herausragend, wie eigentlich alles im Stück, ist die häufig eingesetzte Live-
      Musik. Ganz leise und fein arrangierte Tobias Cosler mit seinen Jungs Volker
      Kamp und Ralf Neuhaus Songs wie "Nothing Ever Happens" (orig. Del Amitri),
      "You Make Me Feel Like" (orig. Aretha Franklin), "La Mer" (orig. Charles Trenet)
      oder "I was born under a Wandering Star" (orig. Lee Marvin). Ein finnischer
      Tango, ein Bossa Nova, ein Stehblues oder eine Hommage auf die Kartoffel
      durften nicht fehlen. Zu den Eigenkompositionen zählt auch die Lobpreisung der
      Heilarmee auf den lieben Gott als gelungenem Chor. Singen muss jeder, ob
      sympathisch gebrummt (Bernd Rademacher köstlich gut mit "La Mer") oder
      brillierend, wie Kira Primke mit ihrer goldenen Kehle. Zwischendurch wird immer
      mal wieder leise und fein, mit dem Besen auf dem kleinen Schlagzeug,
      improvisiert. Gute Übergänge zwischen den einzelnen Szenen!

      Lobend hervorzuheben sind nicht nur die schauspielerischen Leistungen,
      sondern auch das Bühnenbild (Anette Hachmann, auch Kostüme), eine
      Mischung aus einem großem Puppenhaus mit Treppen, Leitern und Türen,
      einem Dampfer mit Bullaugen und Sonnendeck und einem Containerhaus.
      Dahinter lacht ein wunderschön gemalter blau-weißer Himmel im XXXL-Format.
      Extrem viel Arbeit hatten ebenfalls die Requisiteure, so viel ist in diesem großen
      Wimmelbild zu entdecken. Nicht zu vergessen sind die wunderbaren Kostüme,
      die die Figuren sich optisch entwickeln lassen. So wird aus der Heilsarmee-
      seele Irma (Juliane Fisch) die junge Verliebte im klein geblümten Sommerkleid.
      Selbst märchenhafte Züge sind nicht zu übersehen.

      Vor dem Haus gab es zur Premiere übrigens eine mobile finnische Sauna, die
      gut genutzt wurde. Zur Premierenfeier, in Finnland traditionell auf der Bühne,
      spielten im oberen Foyer zwei professionelle Akkordeonspieler aus Suomi,
      Heidi Luosujärvi und Petteri Waris, sehr atmosphärisch auf. Intendant Olaf
      Kröck begrüßte stilecht mit "Hyvää" seine Gäste, fand sympathische Worte
      zum Stück und stellte alle Mitwirkenden vor, so wie es sich für ein gutes Theater
      gehört. Insgesamt war es ein ganz feiner Abend mit einem außergewöhnlich
      klasse inszenierten Stück, tollem Humor, Hannibal und exzellenten musika-
      lischen Klängen. Man sollte es gesehen haben, nein, man muss es gesehen
      haben.

      Datum: 21. Oktober 2017, Premiere, Schauspielhaus Bochum

      www.schauspielhausbochum.de