abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Mit dem Stück "Die Parallelwelt" geht das Schauspiel Dortmund wirklich
      ganz neue Wege. Die Simultanaufführung mit dem Berliner Emsemble ist
      szenisch und technisch eine echte Meisterleistung. Regie führte Kay Voges.

      Zwischen Dortmund und Berlin liegen 420 km Entfernung, verbunden durch
      ein schnelles Glasfaserkabel entlang der A2. Zeitgleich und gemeinsam
      spielen beide Ensembles. Auch die Zuschauer treten in beiden Theatern in
      Blickkontakt. Beim Betreten des Dortmunder Saals sieht man die Besucher
      in Berlin ebenso in den Saal kommen. Sie setzten sich und wundern sich
      genauso über die Leinwand. Allen wird schnell klar, dass sie aus der jeweils
      anderen Stadt beobachtet werden, quasi einen Zwilling auf ihren Platz haben.
      Man winkt, schmunzelt leicht irritiert oder startet eine Laola, wie in Dortmund.

      Mit dem Beginn des Stücks ändert sich die Gefühlslage sofort. Es geht um
      Fred und sein Leben in verschiedenen Phasen. In Berlin beginnt es mit der
      Geburt, in Dortmund wird der sterbende Fred von Frank Genser bemerkens-
      wert gespielt. Geburt und Tod sowie Freudentränen und Tränen der Trauer.
      In Dortmund läuft sein Leben rückwärts. Was ist Vergangenheit, was
      Gegenwart und was die Zukunft? Die Unterschiede verschwimmen. Beide
      Leben des Fred, also vorwärts und rückwärts, werden parallel gespielt und
      auf Leinwänden übertragen. Die Dortmunder Szenen werden natürlich auch
      live auf der Bühne dargeboten. Es ist ein Eintauchen in einen ganz spezi-
      ellen Kosmos. Ist es ein cineastisches Schauspiel oder ein gespielter Film?
      Man schaut gebannt auf das Geschehen, das man erstmal schwer begreifen
      kann, weil es einfach so ungewöhnlich ist. So viel zum Grundkonzept.

      Teils sind es krasse Gegensätze und Emotionen. Fragen des Daseins
      werden gestellt. Warum müssen wir sterben? Wer sind wir und wo liegen
      unsere Grenzen und Möglichkeiten? Dabei spielt die Quantenphysik eine
      große Rolle. Lassen sich aus Bausteinen mühelos Kopien erzeugen? Haben
      wir nicht schon Kopien, von denen wir gar nichts wissen? Wer ist dann das
      Original und wer die Kopie?

      Die Erkenntnis, dass es von Akteuren auf der Bühne Kopien gibt, tritt bei der
      Hochzeit von Fred, also in der Mitte des Lebens zu Tage. Die Irritationen
      werden herrlich komisch dargeboten. Wer ist denn die schönste Braut? Die
      Kopie im Hintergrund möchte niemand sein, die zweidimensionale Tapete
      schon gar nicht. Die Currywurst in Berlin möchte man aber schon gerne
      kosten. Also einfach mal den Schauplatz tauschen? Kann man überhaupt
      Menschen beamen? Den Beteiligten auf der Bühne kommt es wie eine
      Versuchsanordnung vor. Manche Figuren kommen damit besser klar als
      andere. Sie reagieren von gelassen bis hysterisch. Das Ernste wird auf jeden
      Fall häufig mit einer humorvollen Note dargeboten, ohne komödiantisch zu
      wirken.

      Viele Anspielungen an Theater, Literatur (z.B. Elfriede Jelinek), physikalische
      Aspekte und die Kunst spielen in den Dialogen eine wichtige Rolle. Die Philo-
      sophie und die Psychologie kommen noch hinzu. Um die Zusammenhänge
      möglichst gut zu verstehen ist eine Begleitbroschüre mit dem Alphabet des
      Stücks erhältlich. Immer präsent ist die Suche nach der Wahrheit, wobei
      der Tod dazu gehört.

      Die sekundengenauen Dialoge zwischen Berlin und Dortmund sind meister-
      haft gespielt und inszeniert. Die beiden Häuser haben neue Dimensionen
      des Schauspiels aufgetan. Hinzu kommt der gelungene Soundtrack,
      Anspielungen an Depeche Mode, die Einstürzenden Neubauten, Elvis,
      sakrale Töne, elektronische Musik oder fette Beats im Discolicht. Es gab
      stehende Ovationen für beide Ensembles vom Dortmunder Publikum.

      Datum: 15. September 2018

      www.theaterdo.de