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Schauspiel 'Peer Gynt' als Live-Stream im Schauspielhaus Bochum
Mit einer partiellen, zeitgenössischen Neuinterpretation von Ipsens „Peer Gynt“ spielte das Schauspielhaus Bochum seine erste Premiere als Online-Stream. Mit Songs und teilweise neuen Texten versehen war das Ergebnis sehr überzeugend.

Das Stück basiert auf einem Stoff, der rund 150 Jahre alt ist. Ein wilder und nie zur Vernunft kommender Peer Gynt (Anna Drexler) hechelt durch ein Leben voller Träume und Illusionen. Er will Kaiser werden. Es ist eine Reise ins Land der Trolle, als Prophet zu einem Beduinenstamm in Afrika, bis hin zu einem skrupellosen Geschäftsmann und einem Egomanen, der auf der heimführenden Schiffsfahrt nach Norwegen bei einem Untergang lieber andere in den Tod schickt. Zwischendurch sehnt er sich immer wieder zu seiner Mutter Aase (Michael Lippold), während Solvejg (Anne Rietmeijer) aus Liebe auf ihn wartet. Das Wort „ich“ wurde für ihn kreiert, doch er findet es nie. Wer ist er? Am Ende wartet der Knopfmacher, der ihm ans Leben möchte. So kennt man den oftmals gespielten Stoff.

Diese träumerische Auf und das reale Ab verkörpert die Inszenierung von Regisseur Dušan David Parízek sehr gut. Eine riesige, schiefe Ebene ist der Boden der Handlung, die Schräglage als Lebensbild. Mehr braucht es nicht, um den Stoff darzubieten. Es geht durchaus sehr sportlich zu. Das Wort steht dabei nüchtern und konzentriert im Mittelpunkt, nicht aufwendige Requisiten oder opulente Bühnenelemente. Dabei wird geschickt mit dem Licht gespielt. Mal assoziiert man das erste, warme Morgenlicht, während gerne auch mal das kalte und fahle Mondlicht partiell eingesetzt wird.

Ein historischer Stoff trifft auf eine Zeit, in der andere gesellschaftliche Normen gelten. Die menschliche Sozialisierung ist Geschlechter übergreifend, bei Eltern und Kindern. Peer Gynt wird deshalb ausgezeichnet durch Anna Drexler gespielt, während die Rolle ihre Mutter von Michael Lippold übernommen wird. Insbesondere Anna Drexler schlüpft so in variierende Männerrollen, die aus heutiger Sicht überarbeitet werden müssen. Als Prophet in Afrika bekommt Peer Gynt eindrucksvoll Gegenwind durch Anitra (Mercy Dorcas Otieno), die den weißen Herrschaftsstil überhaupt nicht akzeptieren möchte. Sie kritisiert die bis heute stattfindende Ausbeutung des afrikanischen Kontinents, ohne eine echte Gegenleistung zu erhalten. Nicht nur an dieser Stelle werden neue Textpassagen eingeführt, die wie eine Fortschreibung in die Zukunft wirken. Der skrupellose Handel, z.B. mit China, macht Peer zwar wohlhabend, aber auch moralisch zwielichtig. Selbst mit seinem neureichen Konto kann man sich keine Position als Kaiser erkaufen. Hier sind Parallelen zur Gegenwart erkennbar. Turbokapitalismus ist nicht selten mit Untrieben wie Verbrechen, Ausbeutung und Rassismus verbunden. Überraschend kommt das Ende daher, mit Texten von Anna Drexler. Man reflektiert die lange Aufführungsgeschichte des Stücks, die auftretenden Figuren und stellt die Tatsache infrage, dass die Geliebte, hier in Person von Solvejg, nicht ewig und still ergeben auf den Mann zu warten hat. Man erkennt stilistisch die Passagen der historischen, als auch der hinzugefügten Texte.

Ein wichtiger Aspekt ist die Musik, ohne das Stück zu einem Musical mutieren zu lassen. Es sind Coversongs und Eigenkompositionen, die gesungen oder gesprochen vorgetragen werden. Alles vermengt sich zu einer Session, die die Emotionen ausgezeichnet unterstützt, etwas Drohendes untermalt, melancholisch wirkt oder wilde Träume mit Tönen begleitet. Die Vielfalt ist nicht zu überhören. Alles wird live gespielt und gesungen, wie auch die Percussion. Dabei entdecken die DarstellerInnen ganz neue Seiten an sich. Sie spielen nämlich die Instrumente wie Saxofon, Drums, Akkordeon, Kontrabass, Harmonika, E-Bass oder Ukulele alle selbst. Es lässt sich schon ganz gut an.

Das Stück überzeugt szenisch und schauspielerisch. Die Handlung wird klar dargestellt und mit neuen Elementen zeitgenössisch gewürzt. Die zwei Stunden ohne Pause sind auf jeden Fall einen digitalen Besuch im Schauspielhaus Bochum wert, bis man hoffentlich bald wieder live im Saal sitzen kann. Echte Besucher sind den Akteuren wesentlich lieber als zahlreiche unsichtbare Zuschauer vor den Bildschirmen.

Datum: 24. April 2021, Premiere

www.schauspielhausbochum.de