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Auftakt der digitalen Ruhrfestspiele mit der Eröffnungsrede von Enis Maci und dem Stück 'Die Seidentrommel' im Recklinghausen
Die 75. Ruhrfestspiele sind eröffnet. Aufgrund der politischen Vorgaben finden sie nahezu komplett digital statt. Über 70 Veranstaltungen sind ohne Publikum vor Ort geplant. Das neue, erzwungene Format ist eine Premiere für dieses traditionsreiche Festival, das man nach 2020 nicht erneut ausfallen lassen wollte. Die Eröffnungsrede von Enis Maci und das Stück "Die Seidentrommel" waren ein klasse Auftakt.

Wie es eben so ist, ging die politische Prominenz im Person von Bundespräsident Steinmeier und NRW-Landeschef bzw. CDU-Kanzlerkandidat Laschet mit ein paar erwartet flauen Grußworten vorweg, eine sehr selbstzufrieden wirkende Pflichtübung. Man gratulierte zu den Anstrengungen der Macher für die digitalen Festspiele, hob die wichtige Rolle der Künstlerinnen und Künstler für die Gesellschaft hervor, machte aber in unbefriedigender Art und Weise keinerlei Andeutungen, wann endlich Live-Kultur für alle wieder in den Theatern möglich sein wird, nicht mal mit 20% Auslastung, was wissenschaftlich erwiesen völlig unbedenklich wäre. Was nützt ein angekündigtes Künstler-Stipendium, Herr Laschet, wenn man nicht live vor Publikum im Applaus baden kann! Man spürte weder genügend Weitblick, noch einen ausreichenden Tellerrand in schwierigen Zeiten. Dringend nötiger Esprit für ein Land und seine Kultur fühlt sich anders an. Im Gegensatz zu den ganz wichtig auftretenden Virologen und konzeptlosen Lauterbachs dieser Nation, hat die Kultur leider noch immer keine echte Lobby in Berlin oder Düsseldorf. Schade.

Es folgte der erste Höhepunkt des Festivals, die exzellente Eröffnungsrede von Enis Maci. Sie ist ein junger Fixstern am Theaterhimmel. 1993 in Gelsenkirchen geboren, erobert sie mit ihren klasse formulierten Gedanken die höchsten Sphären der Kulturlandschaft. „Wohin ist das Meer gegangen?“, lautete eine ihrer wichtigsten Formulierungen an diesem Abend. Auch ihr fehlt die Live-Kultur vor Ort, ist sie doch mit ihren selbst verfassen Stücken Teil dieser. Es fehlt ihr aber auch das Treffen mit der Großmutter oder der Besuch im Freibad, was allgemein das Nervenkostüm immer dünner werden lässt. Sie wurde auf ihre Art und Weise ziemlich deutlich und mahnend, was sicher auch ihre prominenten Vorredner ansprechen sollte. Sie prangerte das Nerven aufreibende Impfchaos, rechte Untriebe und das Versagen der Polizei in Hanau an. Alle Opfer wurden von ihr namentlich erwähnt. Staatliche Institutionen wurden jedenfalls nicht mit Lob überschüttet. Es war eine Ansprache an die Kulturschaffenden und Bürger, die sie frei nach Tina Turner als „Privat dancer“ bezeichnete. Von „Notwehr“ und der Tatsache sich zu versammeln, war die Rede. Natürlich hob sie auch die ambivalente Rolle des Ruhrgebiets hervor, ihre Heimat und Prägung. Ihrer Meinung nach gibt es keine andere Region in Deutschland, die mit ihrem Charme und ihren Problemen vergleichbar ist. Bravo, eine klasse Rede! Solche Köpfe braucht das Land dringender denn je.

Nach diesen höchst intelligent formulierten Zeilen freute man sich auf die erste Vorstellung. „Die Seidentrommel“ wurde zu einer kulturell hochklassigen Entführung in eine für viele unbekannte Welt. In Japan hat das No-Theater eine lange Tradition. Es kommt ohne viel Worte und ohne ein großes Bühnenbild aus. Hier waren es drei metallisch glänzende Vorhangelemente, dies sehr atmosphärisch wirkten. Es ist die Geschichte einer jungen Tänzerin (Yoshi Oida), die während ihrer Probe von einem alten Mann (Kaori Ito) angehimmelt wird, der die Bühne putzen soll. Sie bemerkt die körperlichen Wünsche seinerseits und spielt die Femme Fatale asiatischer Prägung, lässt ihn brutal und kaltherzig auflaufen. Erst fordert sie ihn zum gemeinsamen Tanz auf, bis sie den Kuss deutlich ablehnt. Stattdessen gibt sie ihm eine Trommel in die Hand. Wenn er aus ihr einen vernünftigen Ton herausbekommt, so will sie sich ihm körperlich hingeben. Leider ist die Trommel mit Seide bespannt. Frustriert und seinem Alter grämend begeht er Suizid und wird zum Dämon, der sie bedrängt. Wie Kaori Ito mit seine 87 Jahren seine Rolle als alter Mann lebte, war absolut bewunderns- und sehenswert. So fit möchte man in dem Alter gerne noch sein. Ebenso ausdrucksstark und fein in der Darstellung war Yoshi Oida. Von Wandlungen wie Voodoo, einer Geisha im wallenden Umhang, bis hin zu meditativen Momenten war alles dabei, das gesamte Spektrum japanischer Darstellungskunst, von ganz leiser Anmut und Grazie bis energetisch-temperamentvoll. Hatte man mit dem alten Mann Mitleid, so kam er gegen Ende wieder als Auferstandener zurück. Man soll in traurigen Momenten eben nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen, eine positive und wichtige Botschaft.

Begleitet wurden die Tanzszenen hervorragend von den Klängen japanischer Tradition. Makoto Yabukis ist ein Meister der Perkussion, bestehend aus einer Holzflöte, einer Trommel oder uns fremden Klangkörpern. Musikalisch fühlte man sich oft in eine Kultur versetzt, die geografisch tatsächlich sehr weit entfernt ist. Den künstlerischen Auftakt der Ruhrfestspiele kann man als sehr gelungen betrachten.

Datum: 2. Mai 2021

www.ruhrfestspiele.de