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Architekturführung durch das Aalto Theater in Essen
Im Rahmen einer Architekturführung bekam man im Essener Aalto Theater spannende Einblicke in den architektonischen Entwurf von Alvar Aalto (1898-1976), der die Realisierung seines Haus leider nicht mehr erleben konnte.

Ab 1892 war die Keimzelle der Essener Kultur das Grillo-Theater, ein ehemals Fünf-Sparten-Haus. Für den umfangreichen Kulturbetrieb wurde es zu klein, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1950 wiedereröffnet. Der Platz reichte nicht. So wurde ein Ideenwettbewerb für ein neues Musiktheater im Stadtgarten ausgeschrieben. Der finnische Architekt Alvar Aalto gewann diesen mit skizzierten Entwürfen. Den Platz in Park konnte er sich aussuchen. Im Rat der Stadt ging es noch 20 Jahre hin und her, ob man dieses Theater wirklich bauen wollte. 1979 erfolgte der finale Beschluss. Das war Alvar Aalto bereits drei Jahre tot. So wurde Elissa Aalto, seine zweite Frau in die Realisierung mit eingebunden. Genau wie ihr verstorbener Mann war auch sie Architektin und Designerin, ein Glücksfalls für Essen. Hinzu kam, dass Alvar Aalto viele Gestaltungsideen bereits bei der Finlandia-Halle in Helsinki umgesetzt hatte, manche sogar identisch. Fünf Jahre hat der Bau in Essen gebraucht und 110 bis 130 Mio. DM gekostet, ein Schnäppchen in heutigen Zeiten. 1988 fand die Eröffnung statt.

Seine humane Architektur ist auch in Essen verwirklicht. Geschwungene Linien mit senkrechten Elementen prägen das Aalto Theater. Während man in Finnland die Fassade mit weißem Marmor verkleidet hat, wählte man in Essen sardischen Granit, der besser mit den Witterungen klar kommt. Das Äußere wirkt organisch, wie ein abgeschnittener Baumstumpf. Ein flacher Eingang nimmt manchen Menschen die Angst vor einem Kulturtempel. In der Garderobenhalle beginnt die Dramaturgie der Räume. Nichttragende Säulen dienen als Raumteiler, Ort für Spiegel und eigens entworfene Fliesen. Erste, ebenfalls von ihm entworfene Lampen und Geländer mit Doppel-T-Trägern fallen ins Blickfeld. Die Handläufe sind mit Leder umschlungen. Die Garderobentheke ist geschwungen, die Garderobenmöbel senkrecht.

Am Aufgang zur Treppe hinauf ins wunderschöne Foyer, bzw. hinunter in die Caféteria, befindet sich die Bronze-Büste der Architekten auf einem Sockel. Der Carrara-Marmor glänzt auf den Boden. Ist man den Catwalk nach oben gestiegen, wird es immer spannender. Der 6.000 qm umfassende Bau besteht aus 11 Ebenen, drei unterirdisch und sechs bis zu acht überirdisch. Zusammengesetzt hat man ihn aus 16 einzelnen Gebäudeteilen. Einige, wie die Treppen in den ersten Rang, wurden extern in Beton gegossen und später eingebaut. Man erkennt eine Dehnungsfuge in Foyer. Es ist der Ort, wo sich alle Gäste treffen dürfen, egal sie auf den günstigen oder teuren Plätzen sitzen. Auch an die Barrierefreiheit hatte Aalto gedacht. So sind die Griffe an den Türen etwas tiefer oder doppelt übereinander zu finden, praktisch für kleinere Menschen oder Rollstuhlfahrer. Die Türen zum Saal wurden mit Rosshaar gedämmt. Das Foyer wird bestimmt durch die weißen, geschwungen Balkone und die senkrecht gestalteten Fenster. Der Blick vom 2. Rang zeigt deutlich die Aufteilung im Raum. Durch die Fenster blickt man in den Stadtgarten. Kunst ist nicht vorgesehen. Nur eine Skulptur entdeckt man in der hintersten Ecke, ein Geschenk des finnischen Ministerpräsidenten zur Eröffnung 1988.

Im Saal erlebt man einen weiteren architektonischen Höhepunkt. Blau und Weiß bestimmen das Bild. Aalto war auch in Griechenland unterwegs, inspiriert vom Indigoblau. Die blaue Bestuhlung bildet einen tollen Kontrast zu den geschwungenen, weißen Balkonen, das Meer und die Wolken. Auch die Akustikelemente und Wände neben der Bühne sind in Indigoblau gehalten. Die Sitze besitzen mehrere Besonderheiten. Sie bestehen aus Wolle und Leder. Der Stoff schluckt die Töne, das Leder reflektiert. So wirkt der Saal akustisch leer fast wie wenn der gefüllt wäre. Jeder Sitz der 15 bis 20 Reihen ist mit einem Ausgang der Klimaanlage ausgestattet. Im Parkett kann man von jedem der 1125 Sitze aus gut sehen. Dabei ist der Mittelgang asymmetrisch angeordnet. Tänzer haben damit oft Probleme. Deshalb markiert für sie ein kleines, rotes Licht die echte Mitte.

Trotz der Vorbereitungen für den Abend auf der Bühne, durfte die Führung unter der Leitung von Constanze Zur-Kohls auch auf die Seitenbühne. Sie ist am Haus hauptamtlich als Inspizientin tätig, sorgt für den reibungslosen Ablauf zwischen Technik und Künstlern während einer Vorstellung. Die Bühne ist 25 m breit und 21 m tief. Es gibt zwei Seitenbühnen und eine Hinterbühne, insgesamt also eine Kreuzbühne. Der Orchestergraben kann bis zu 2,60 m abgesenkt werden. Hier endete die wirklich sehr spannende Führung. Selbst Stammgäste gingen schlauer nach Hause.

Das Aalto Theater ist, obwohl es bereits Ende der 1950er Jahre entworfen wurde, ein zeitlos schöner Bau. Alvar Aalto war stilistisch seiner Zeit weit voraus.

Datum: 1. November 2026

www.theater-essen.de

Architekturführung durch das Aalto Theater in Essen, Foto: Jehle

Architekturführung durch das Aalto Theater in Essen

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